Unsere Individual-Rundreise durch Indien in 6 Wochen
Es gab eine lange Zeit, da hätte mich niemand nach Indien bekommen. Nicht für alles Geld der Welt. Die Vorurteile sind ja bekannt: es ist laut, voll, zugemüllt, die Menschen aufdringlich und der Gestank unaushaltbar! Warum um Himmels Willen also sollte man in so ein Land reisen wollen? Indien hat mich einfach nicht interessiert und ich habe mich geweigert auch nur eine Millisekunde weiter darüber nachzudenken. Doch dann kam eine Wende in meinem Leben, ich konnte mich mehr öffnen und habe bewusster hingesehen, habe begonnen zu hinterfragen. Durch die Bemühung des Loslassens des Urteilens wurde ich neugierig. Im Nachhinein betrachtet, denke ich, dass es auch nur für Menschen ratsam ist Indien zu besuchen, die das können. Also es schaffen, nicht zu (ver-)urteilen. Die die Gegebenheiten und die Menschen so akzeptieren können, wie sie nun einmal sind. Andernfalls ist, so denke ich, das Risiko recht groß eine unangenehme Reiseerfahrung zu machen, die dann aus Abneigung, Wut, Überforderung oder Mitleid bestehen kann. Mich mit folgenden Gedanken im Vorfeld und auch während der Reise immer wieder ganz bewusst auseinanderzusetzen, hat mir sehr geholfen:
- Ich persönlich bin weder verantwortlich für die Situation noch kann ich sie (gravierend) verändern. Ich bin Beobachter!
- Es ist anders, als ich es kenne, oder als ich aufgewachsen bin, aber nicht gleichzeitig automatisch schlechter. Es ist, wie es ist – beides hat seine Berechtigung zu sein: das Bekannte und das Unbekannte.
- Ich, fühle mich privilegiert, weil ich in eine andere Welt geboren wurde und auf eine Art stimmt das natürlich – habe aber persönlich nichts davon verursacht. Das ist das Leben. Ich sollte nicht – wie auf einem hohen Ross – darauf blicken und denken, dass mein Leben besser ist. Jeder Mensch macht das für ihn beste aus dem Leben, das ihm gegeben wurde. Jeder hat ganz individuelle Erfahrungen, die im jeweiligen Leben möglich sind. Wie würde ich mich fühlen, wenn z.B. ein superreicher Mensch mit Villen, Yachten, Autos und Unmengen an Geld kommen und auf mein Leben mitleidig herabblicken würde? Ich habe das alles nicht, aber dennoch ist es mein Leben, das deshalb nicht weniger wertvoll ist.
- Es ist wichtig andere Kulturen zu verstehen. Oft gibt es ein sehr abweichendes Nähe- und Distanzverhältnis. Möglicherweise ist es eine Art Überlebenstaktik in einem so großen Land mit so vielen Menschen laut zu sein, um gehört zu werden und vorzudrängen, um nicht übersehen zu werden. Niemand macht mir das zu Fleiß oder will mich damit ärgern. Das bedeutet Überleben in einer völlig anderen Kultur!
- Mach dir das eigene Leben leichter und bemühe dich, dich nicht über Betrüger zu ärgern. Im Grunde ärgerst du dich ohnehin nur über dich selbst, weil du auf die Maschen hereinfällst. Sei nicht zu streng mit dir! Jeder fällt auf die Tricks am Anfang rein, das ist völlig normal. Beobachte und lerne, dann wirst du es immer besser erkennen. Ja, es gibt Betrüger. Überall auf der Welt. Diese Menschen sind der Ansicht, dass die Ressourcen der Welt ungerecht verteilt sind, du zu viel hast und sie selbst zu wenig. Und ganz unrecht haben sie damit ja vielleicht auch nicht. Es ist ein bisschen wie bei Robin Hood: Nimm es von den Reichen und gibt es den Armen. Natürlich ist es nicht in Ordnung das Problem auf diese Weise zu lösen und ich will Betrügereien auf keinen Fall schönreden. Aber nimm es nicht persönlich! Es ist wie so oft: Überlebensstrategie!
- Bemühe dich immer neugierig zu bleiben und dich von den Unterschieden faszinieren zu lassen, anstatt sie schon im Vorhinein abzulehnen.
- Denk immer daran: wie du Menschen ansiehst und wie du über sie denkst sendet unsichtbare Signale, die ebenso unbewusst Reaktionen hervorrufen. Indien wird dir so begegnen, wie du ihm begegnest! Die Erfahrungen sind immer ein Spiegel deiner Selbst!
Die Indienreise war ein großes Abenteuer für mich und sehr lehrreich. Unter anderem habe ich gelernt mich selbst mehr zu behaupten, habe es geschafft viel öfter hinzusehen und mehr Augenkontakt zu halten, tiefer wahrzunehmen und mit Menschen in Kontakt zu treten. Wir hatten so viele wundervolle und herzliche Begegnungen und mir werden die Inder immer als neugierige, hilfsbereite, liebevolle Menschen in Erinnerung bleiben. Ja, auch wir sind anfangs öfter mal auf Betrugsmaschen reingefallen, aber das gehört dazu. Im Endeffekt ist es immer noch mehr als leistbar gewesen, selbst wenn wir im Vergleich auch mal viel zu viel bezahlt haben. Ich nenne das „Die Schule des Lebens“. Wir hatten auch mit sogenannten „Scammern“ total lustige Begegnungen, wenn wir sie mit einem „Ich weiß ganz genau, was du vorhast, aber da bist du bei mir an der falschen Adresse, Freundchen“-Blick abwinkend, verschmitzt angelächelt haben und sie etwas peinlich berührt zurückgelächelt haben und uns mit einem Schulterklopfer noch einen schönen Tag wünschten. Wir alle sind Menschen und ich mag in diesem Zusammenhang besonders den Begriff „Menschheitsfamilie“, denn er drückt so schön die Verbundenheit aus, die uns Erdlinge eigentlich uneingeschränkt vereinen sollte.
Unsere Anreise und Einreise nach Indien:
Da wir zuvor in Nepal waren, wollten wir unbedingt über die Landesgrenze nach Indien einreisen. Natürlich hätten wir ohne weiteres auch fliegen können, aber uns hat dieses für uns besondere Abenteuer einfach gereizt. Um in Indien einzureisen, brauchten wir ein Visum. Da das eVisa, das man online beantragen kann, an den meisten See- und Landesgrenzen nicht akzeptiert wird, haben wir zuvor in Kathmandu ein Visum beantragt. Dieser Prozess braucht viel Zeit und Geduld und weil es sehr umfangreich ist, ihn zu beschreiben, habe ich ihm einen eigenen Blogpost gewidmet. Du kannst unsere Erfahrungen und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung dazu hier nachlesen.
Geld in der Landeswährung bekommen:
Indien ist zumindest in den größeren Städten, also jedenfalls an allen Orten, an denen wir waren, gut mit Geldautomaten ausgestattet und wir hatten nie ein Problem an Bargeld zu gelangen. In den meisten Fällen wird pro Abhebung eine Gebühr von 200 bis 300 Rupien fällig, was zu unserer Reisezeit im Jänner/Februar 2025 ungefähr € 2,30 bis € 3,40 ausgemacht hat. Einzig bei der „CSB Bank“ konnten wir in Kochi völlig gebührenfrei abheben. In Agra haben wir zum Beispiel die Erfahrung gemacht, dass wir an manchen Automaten kein Geld bekamen, aber an den ATMs mit Gebühren, war das dann problemlos möglich. Manchmal muss man einfach ein paar Automaten abklappern und es empfiehlt sich rechtzeitig Nachschub an Bargeld zu besorgen, also nicht erst, wenn bereits alles aufgebraucht ist.
Lokale Sim-Karte mit Datenvolumen:
Leider ist das Thema Sim-Karte für Touristen in Indien immer noch ein recht schwieriges. Uns war es jedenfalls nicht unmöglich und wir haben sogar beide an unterschiedlichen Orten eine bekommen. Man hört aber immer wieder, wie mühsam und umständlich sich das Ganze gestaltet und mit zum Beispiel Thailand, wo man die Sim-Karte einfach im Supermarkt kaufen kann, kann man die Beschaffung natürlich keinesfalls vergleichen. Ich berichte aber gerne von unseren Erfahrungen, vielleicht hilft es ja doch dem einen oder anderen weiter:
Die erste Sim-Karte haben wir uns am Tag nach unserer Ankunft in Varanasi geholt. Dort haben wir im Hotelzimmer mit WLan nach Airtel-Shops in der Umgebung gesucht und bei allen Treffern die Rezensionen gelesen. Auch, wenn es von unserer Unterkunft einen ca. 45-minütigen Fußmarsch bedeutete, entschieden wir uns für den einen Shop, der eine 4,5-Sterne-Bewertung hatte und bei dem es positive Rezensionen auch von scheinbar Nicht-Indern gab. Den Weg dorthin meisterten wir mit der App „Organic Maps“, die man offline verwenden kann, wenn man die Karte zuvor herunterlädt. Und wie erhofft, war es für uns dort absolut kein Problem eine Sim-Karte zu bekommen. Es ging schnell und einfach, kostete uns allerdings etwas mehr als den doppelten Preis. Mit ca. € 9,- für 30 Tage war uns das die einfache Abwicklung aber wert und wir waren erstaunt, wie gut das direkt beim ersten Versuch für uns klappte.
Nach einiger Zeit beschlossen wir, noch eine zweite Sim-Karte anzuschaffen, um zum Beispiel auch in Zügen kommunizieren zu können, in denen wir möglicherweise keine Sitzplätze nebeneinander haben würden. Die Entscheidung trafen wir in Jodhpur und suchten wieder über Google Maps nach Airtel-Shops in der Umgebung. Im ersten Shop, den wir betraten, wollte uns niemand weiterhelfen. Es gab mehrere Mitarbeiter, jeder saß bei einem kleinen Tischchen und viele waren gerade mit Kunden beschäftigt. Uns wurde erklärt, dass wir ein indisches Bankkonto bräuchten und daher mit einem indischen Freund wiederkommen sollten. Wir boten an bar zu zahlen, oder auch mit Visa-Karte, aber sie lehnten vehement ab. Der ganze Shop war voll mit Einheimischen, die wohl alle ein indisches Konto besaßen, aber keiner wollte uns weiterhelfen. Enttäuscht zogen wir ab, gaben aber noch nicht auf. Wir fuhren zu einem weiteren, viel kleineren Airtel-Shop und plötzlich war alles ganz anders. Der einzige Mitarbeiter dort war äußerst freundlich und hilfsbereit, richtete uns alles ein und meinte am Ende auch, wir sollten das mittels indischen Bankkontos bezahlen. Als wir ihm erklärten, dass wir so eines nicht besitzen, zahlte er es einfach für uns und wir gaben ihm den Betrag in Bargeld. So hatten wir uns das vorgestellt. Noch dazu verlangte der nette Mann keine Rupie mehr dafür, als den Betrag, den auch Inder dafür bezahlen und wir hatten somit eine Sim-Karte für umgerechnet ca. € 4,- für 30 Tage. Ich denke, wichtig ist, immer freundlich zu bleiben und nicht aufzugeben, dann kommt man irgendwann zum gewünschten Ziel.
Sicherheit in Indien:
Während der gesamten 6 Wochen unserer Indienreise habe ich mich in keinem einzigen Moment unsicher gefühlt. Das ist meine subjektive Wahrnehmung und es kann natürlich immer und auch überall auf der Welt etwas passieren. In meinem Fall war es vermutlich hilfreich, dass ich zu jeder Zeit einen Mann an meiner Seite hatte und nicht allein unterwegs war. Aber selbst, wenn wir in eher abgelegenen Gegenden am Rande der Städte unterwegs waren, sind uns alle Menschen dort freundlich begegnet. Wir waren – vor allem im Norden Indiens – bei Einbruch der Dunkelheit in den allermeisten Fällen bereits in oder am Weg zu unserer Unterkunft. An unseren Stopps waren wir aber fast ausschließlich zu Fuß oder in größeren Städten auch mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Es gibt aber immer auch die Option jederzeit in ein Tuk Tuk oder Taxi zu hüpfen, wenn man sich nicht wohlfühlt und zur Unterkunft möchte.
Ernährung und Magen-Darm-Probleme in Indien:
Wir haben es tatsächlich geschafft uns an keinem einzigen Tag unserer 6-wöchigen Indien-Rundreise mit Magen-Darm-Problemen auseinandersetzen zu müssen. Dabei ist aber wichtig zu erwähnen, dass wir an keinen Straßenständen gegessen haben. Oft essen selbst viele Inder nicht an diesen kleinen Wägen oder von den Körben der durch die Straßen ziehenden Verkäufer und wir waren der Ansicht, dass wir die gute Verträglichkeit nicht damit aufs Spiel setzen wollen. Wir haben also ausschließlich in zuvor recherchierten Restaurants gegessen oder waren auch in kleineren Lokalen und Cafés. Auch fixe Straßenstände mit Google-Bewertungen waren mal dabei und wir haben das indische Essen, auch wenn es manchmal gar nicht so wenig scharf war, sehr gut vertragen. Die indische Küche ist aus unserer Sicht eine der besten und als Vegetarier kommt man wunderbar überall zurecht. Für Veganer wird es da schon kniffliger, da häufig Ghee (= Butterschmalz) und Paneer (=Frischkäse aus Kuhmilch) verwendet wird. Uns hat es riesengroße Freude bereitet uns durch das Curry-Angebot zu kosten und spezielle Speisen, wie „Pani Puri“ oder die verschiedenen „Dosa“-Arten zu testen.
Ein weiterer Punkt, der möglicherweise auch hilfreich war, ist, dass wir ausschließlich mit Trinkwasser unsere Zähne geputzt haben. So kommt das Wasser aus der Leitung jedenfalls nicht an die Schleimhäute im Mund. Wir kauften nur Früchte, die man vor dem Verzehr schälen kann oder wuschen sie andernfalls ausschließlich mit Trinkwasser.
Zugfahren in Indien:
Das indische Eisenbahnnetz ist eines der größten weltweit und bietet eine Vielzahl von Verbindungen zwischen Städten und Regionen. Es stellt eine günstige Möglichkeit dar, um größere Strecken zurückzulegen. Da das Zugfahren in Indien sehr beliebt ist, ist es möglich, dass Zugtickets vor einer Fahrt ausgebucht sind, weshalb es ratsam ist sie frühzeitig zu buchen. Im Idealfall klappt dafür eine Registrierung auf der Website „India Railways“. Bei uns gab es bei der Anmeldung auf der Seite leider immer wieder Probleme, weshalb wir dann doch alle Tickets über die App „12go Asia“ gebucht haben. Das kostet ein wenig mehr, da eine Buchungsgebühr anfällt. Außerdem kann man zwar die Klasse, aber die Plätze nicht selbst auswählen, sondern muss sich überraschen lassen. In den meisten Fällen bekommt man auch Plätze nebeneinander, aber es kann durchaus vorkommen, dass Restplätze, die vergeben werden, auch einmal weiter entfernt voneinander sind. In allen 8 Zugfahrten, die wir auf unserer Rundreise angetreten sind, ist es nur ein einziges Mal vorgekommen, dass wir Plätze in unterschiedlichen Waggons hatten. Auch, wenn ich erst unsicher war, wie das werden würde, war es im Endeffekt absolut kein Problem und da wir zwei Sim-Karten hatten, konnten wir auch jederzeit miteinander kommunizieren. Für unsere Fahrten haben wir immer Tickets für die 2. Klasse AC gekauft und waren ausnahmslos zufrieden mit dieser Entscheidung. Dabei hatten wir bei kürzeren Fahrten Sitzplätze und für längere die Sleeper-Betten. Für die Tickets haben wir je nach Strecke zwischen ca. € 9,- für 235 km und ca. € 23,50 für 848 km pro Person bezahlt. Insgesamt haben wir auf unserer Rundreise 3536 km mit acht verschiedenen Zügen zurückgelegt.
Hilfreiche Tipps für das Zugfahren in Indien:
- Die Anmeldung auf der India Railway Website am besten noch von zuhause aus mit eigener Telefonnummer durchführen.
- WC-Papier im Gepäck zu haben schadet nie. Außerdem fühlten wir uns mit einem Handdesinfektionsmittel auf solchen Fahrten sicherer. Unseren Beobachtungen zufolge gibt es immer ein asiatisches Hockklo und zusätzlich auch ein westliches Sitzklo. Man hat also die Wahl.
- Ein paar Snacks und Wasser hatten wir immer mit. Es gehen aber auch sehr häufig einige Verkäufer durch den Zug, die lautstark ihre Waren anbieten. Ob die Preise hier höher sind können wir nicht sagen, da wir aufgrund unserer Vorsorge nie etwas kaufen mussten.
- Manchmal wird es kalt im Zug, daher ist ein Pullover und eine lange Hose oft hilfreich. Auf den Sleeper-Betten sollten immer ein kleiner Polster, ein Leintuch und eine Decke bereit liegen. Wenn dies nicht der Fall ist, kann man bei einem Mitarbeiter des Zugunternehmens nachfragen und sollte es spätestens dann bekommen. Die Überzüge und Decken schienen uns immer frisch gewaschen zu sein.
- Stationen werden nicht durchgesagt und ohne Internet am Handy hätten wir jedenfalls nie genau gewusst, wann wir unsere Ziel-Station erreicht haben und aussteigen müssen.
- Dass sich Abfahrts- oder Ankunftszeiten ändern, kommt öfter mal vor, weshalb man seine Fahrt mit der App „ixigo trains“ gut im Auge behalten sollte.
Hilfreiche Apps für die Indien-Reise:
- Ola & Uber: Transport buchen (Taxi, Tuk Tuk)
- Delhi Metro: U-Bahn in Neu-Delhi
- m-Indicator: öffentlicher Verkehr in Mumbai (Zug, U-Bahn, Bus, Tuk Tuk-Preise)
- Jaipur Travel: U-Bahn und Bus in Jaipur
- ixigo trains: hilfreiche App für das Zugfahren in Indien – Infos zu Bahngleisen, Waggons, Verspätungen etc.
- 12go Asia: Tickets buchen, wenn z.B. India Railways nicht funktioniert
- zomato: Essen bestellen
- Organic Maps: Karte, die man zuvor runterlädt und dann offline verwenden kann per GPS
- Flush: Toiletten und WCs in der Nähe finden – kann in Notfällen unter Umständen Leben retten
- BookMyShow: z.B. Kino- oder Theatertickets buchen
- Make my trip: offizieller Partner von India Railways
